In der Schweiz wurde - wie überall auf der Welt - Mobilfunk für die Massen Ende der 80er Jahre eingeführt. Und wie überall in der Welt wurde darauf verzichtet, vorher gründliche Abklärungen zu möglichen Gesundheitsschäden vorzunehmen. Prof. Niels Kuster, der die Apparaturen zur grossen NTP-Studie kalibrierte, sagte im "Beobachter", die Schweizer Behörden und die Mobilfunkindustrie hätten vor Längerem beschlossen, dass Strahlung kein Risiko darstellt.

Nicht abreissende Proteste aus Umweltkreisen, aus der Medizin und von Konsumentenorganisationen führten allerdings bald zu einer Legitimationskrise der Funkindustrie. Man versuchte, dem Dauerthema zu möglichen Schädigungen für Mensch und Umwelt wissenschaftlich unterstützt zu begegnen. Eine eigene Grundlage mit schweizer Qualitätsarbeit sollte zeigen, was die Wissenschaft dazu bereits belegt hatte. Und natürlich auch: nicht belegen konnte. Dafür brauchte man einen verlässlichen Partner, dem man die Führung einer wissenschaftlichen  Datenbank anvertrauen konnte.

Dafür wurde Martin Röösli gefunden, ursrprünglich ein Primarlehrer, dann in Epidemiologie weitergebildet. Er bekam den Auftrag, am Tropeninstitut der Uni Basel, einer sehr stark von Industriesponsoring abhängigen Universität, die Datenbank zu elektromagnetischer Strahlung (ELMAR) aufzubauen. Für seine Anstellung war wohl nicht zuletzt sein Interesse an Nocebo-Forschung und eingebildeten Krankheiten massgeblich, wie der Tagesanzeiger 2019 schreibt. In der Datenbank ELMAR wurden beim Start 2003 etwa 200 Studien evaluiert.

Röösli durfte quasi zum Einstand auch beim eigentlich klaren Fall des Landessenders Schwarzenburg das letzte Wort haben: es sei nicht klar, ob die eindeutigen und sektorabhängigen Schlafstörungen nicht doch "durch die Sorgen der Leute" entstanden seien (ein sehenswerter Film zur Sprengung des Senders, SRF, 4:15)   Sehenswert auch darum, weil im Abspann ein paar weitsichtige Stimmen zu hören sind. Und weil eher zwanghaft anmutend die Leute, die sich um ein gesellschaftliches Problem kümmern, vom Schweizer TV als "verbissen" dargestellt werden. In der PR-Sprache wird das "framing" genannt: das konsequente Umdefinieren der Tatsachen.

Die weiter andauernde Kritik führte 2005 zur Etablierung eines Nationalen Forschungsprojekt zu Funkstrahlung, dem NFP 57, mit dem bis 2010 - interessanterweise auch sehr allgemein zur Risikowahrnehmung des Publikums - geforscht wurde.Seine Resultate wurden hier zusammengefasst: das entscheidenste wohl "Wir wissen heute – auch dank des NFP57 – dass nichtionisierende Strahlung biologische Effekte in Zellen und Organen auslösen kann, die nicht auf eine Erwärmung des Gewebes zurückzuführen sind". (S. 4) Dies wäre markant genug, weitere Forschungen zu solchen Effekten zu unternehmen, weil ja die Bevölkerung laufend stärker dieser Strahlung ausgesetzt wird.  Dies ist aus naheliegenden Gründen nicht geschehen - man hätte dazu konsequenterweise Bereiche weit unterhalb der Grenzwerte ins Auge fassen müssen. In der Schweiz besteht aber ein Grenzwert-Tabu: diese Grenzwerte seien sicher, mehrfach besser als im Ausland - und darunter passiert sowieso nichts.

Immerhin:  die anderslautenden Aussagen der BERENIS, der ICNIRP und sehr viele der Aussagen Martin Rööslis, der in beiden Gremien sitzt, sind seither obsolet.

Martin Röösli beteiligte sich übrigens ebenfalls an einem Projekt des NFP 57, dem Projekt Achermann, bei welchem eine Evaluation der Belastung der Bevölkerung versucht wurde. Das sehr beachtliche Resultat: "Laut den Exposimeter-Messungen geht hochfrequente elektromagnetische Strahlung in erster Linie von Handys,schnurlosen Heimtelefonen sowie Mobilfunkantennen aus. Wobei aber zu beachten ist, dass die festgestellte durchschnittliche Stärke der Strahlung nur 0,21 Volt pro Meter beträgt und damit deutlich unter den geltenden Grenzwerten liegt. Trotzdem: Wer kein schnurloses Heimtelefon besitzt und nur selten mit dem Handy telefoniert, hat eine vergleichsweise niedere Exposition, weil zwei der Hauptquellen von Alltagsstrahlung fehlen oder stark vermindert sind".  Beachtlich vor allem deshalb, weil trivial. Noch beachtlicher ist, dass Röösli seither überall betont, dass das eigene Handy den grössten Anteil der Belastung ausmache - ohne zu relativieren, dass immer noch ein wesentlicher Anteil der Bevölkerung den Tag ohne ein aktives Handy am Kopf verbringt.

Das nächste duch dieses Resultat angesprochene Problem wurde seither nicht mehr angegangen: "Da die festgestellten Strahlungsstärken so tief waren, bleibt unklar, wie Menschen auf hochfrequente elektromagnetische Felder reagieren, die näher bei den heutigen Grenzwerten liegen."  Dass dies weiterhin unklar blieb, ist ein wesentliches Verdienst Rööslis, der mit seinen vagen Formulierungen zwar umfangreich Text lieferte, aber nicht den notwendigen Inhalt.... 

Martin Rööslis Steckenpferd ist übrigens die Dosimetrie, also die Feststellung der absorbierten Strahlungsmenge über die Zeit eines Individuums. Dies erforsch er ab und  zu zusammen mit Jürg Fröhlich, der dafür Geräte baut - und praktischerweise ebenso Mitglied der  BERENIS ist, so dass die Forschung und die Bewertung derselben aus einer Hand kommt. Ein klassischer Interessenkonflikt. Röösli pflegt in der Öffentlichkeit regelmässig seinen sehr unorthodoxen Zugang zur aktuellen Belastungsrealität, z.b. bei der Interpretation der Auswirkungen von 5G:  "Da das eigene Mobiltelefon bei der Mehrheit der Bevölkerung die Hauptstrahlungsquelle ist, nimmt damit netto die Strahlenbelastung ab". Eine eindeutige "self-fulfilling prophecy", die er hier aufgrund der selbsthergestellten Belastungsaussagen laufend wiederholt. Nichts ist hingegen falscher als die Annahme, dass die Menschheit heute überwiegend mit einem Handy am Kopf unterwegs sei, auch wenn das im ÖV manchmal so wahrgenommen wird. Die begleitende Aussage "Die Nichtnutzer erfahren jedoch eine leichte Erhöhung um den Faktor 1,6, allerdings auf tiefem Expositionsniveau" steht somit isoliert im Raum: 8 Stunden Schlaf als  komplette "nichtnutzende" (sic!) Bevölkerung mit einer 1.6 fach erhöhten Belastung ist für diese deutlich weniger erholsam. Kommt dazu, dass die bisherhigen Erfahrungen mit 5G zeigen, dass die Sendeleistungen mehrfach über dem liegen, was uns bisher Glauben gemacht wurde. Wärmebildmessungen zeigen einen wesentlich höheren Energiebedarf...

Übrigens: die Mittelung der Werte durch die Dosimetrie-Erhebung ist ein Problem, dass in der kritischen Fachwelt starkt thematisiert wird: biologisch aktive Strahlung hat mit hoher Sicherheit auch durch die Belastungs-Spitzen ausgelöste Effekte, wie Herzrhythmus-Störungen, Koordinations- oder Wahrnehmungsstörungen.

Die konsequente Ausfilterung von wissenschaflich erkannten Zusammenhängen durch Röösli führte auch dazu, dass der Bund in seinem an die Gemeindebehörden gerichteten "Leitfaden Mobilfunk" wesentliche Argumentationsstränge ausklammern kann, wie der Dachverband Elektrosmog Schweiz dazu schreibt.

Nachdem bei der Versteigerung der Frequenzen von 4G erneut Kritik laut wurde, die Funkstrahlung schädige und sei nicht genügend erforscht, hat der Bundesrat eine Kommission ins Leben rufen müssen, die guteidgenössisch "Beratungsgruppe des Bundes für Nichtionisierende Strahlung" genannt wurde:  BERENIS. Da das Wissen über Funkstrahlung und die Mechanismen auch in der Fachwelt nicht sehr breit gestreut ist, hat man sich gerne bei den bisherigen Forschern umgesehen:  4 der  6 Berater stammen seither aus dem Umfeld der Industrie und des Forum Mobil, der industriegesponserten Abteilung der ETHZ:  2 der Berater kommen von der Psychiatrie (ehem. Leiter der Klinik Valens) und von der Gruppe Ärzte für Umweltschutz (Dr. med. E. Steiner-Adam). Diese Gruppierung hat seit Bestehen gemäss eigener Darstellung hunderte Studien gelesen (und hunderte Studien übersehen oder ausgefiltert) und davon für die Gerichte und Behörden in einer leichter verständlichen Sprache den NEWSLETTER verfasst.  Dadurch muss sich kein einziger Behördenvertreter in der Schweiz selbständig informieren, sondern darf sich auf diese wohl-austarierte Vorarbeit stützen.

Die Strategie der Funkbetreiber ist weltweit die Gleiche:

in der Auseinandersetzung um die Schädlichkeit von Funkstrahlung möglichst viel Staub aufwirbeln und versuchen, mit eigenen Studien das Feld zu besetzen. Der Physiker Eduard Käser nannte das bereits 2010 in der WOZ die "Ignoranzfabrik": Scheindebatten vom Zaun brechen und eine Vielfalt der Standpunkte inszenieren; Studien aufzuziehen, die so angelegt sind, dass die relevanten Fragen nicht gestellt und somit nicht beantwortet werden - oder so konzipiert, dass Kontrollgruppe und Untersuchte nicht sauber auseinanderzuhalten sind. Ziel ist, beim umstrittenen Thema möglichst viel Uneindeutigkeit herzustellen. (Pharma, Tabak, Diesel, Asbest...)  Dies funktioniert so lange, als die Finanzierung der Studien nicht als das wichtigste Kriterium in der Beurteilung der Resultate beigezogen wird:  Anke Huss, vom ITIS-Institut der ETHZ(!) hat bereits 2006 festgestellt, dass industriefinanzierte Studien zum allergrössten Teil keine Effekte feststellen, hingegen unabhängige Studien zu etwa 2/3 solche Effekte aufzeigen. Martin Röösli ist in diesem Studienkopf auch aufgeführt, er hat aus dieser Erkenntnis für seine weiteren Selektionen von Forschungsarbeiten insofern gelernt, dass er kaum mehr unabhängige Studien rezipierte.

Am 7.1.2020 wurde dem Schweizerischen Bundesrat, den Gerichten und den zuständigen Bundesämtern ein Gutachten von 22 Spitzenforschern der ganzen Welt zugestellt. Die Gruppe um den schwedischen Onkologen Leonhart Hardell belegt mit vielen Zitaten das tendenzöse Vorgehen und die Auslassungen des Leiters der BERENIS - und verlangt nichts anderes als die Ablösung des Hautpverantwortlichen für das kommende grosse Gesundheitsdebakel.

Eine analoge Kritik lieferte im Februar 2020 auch der Norweger Einar Flydal, der dem Leiter der Schweizer Strahlenschutzkommission wissenschaftlichen Betrug vorwirft:

"Einseitige Berichte von einseitig vertretenen Ausschüssen, eklatante finanzielle und berufliche Motive

Es besteht eine auffallende Ähnlichkeit zwischen den Berichten der BERENIS-Ausschüsse und den Schlussfolgerungen von Berichten in anderen Ländern, wie z.B. dem Bericht der schwedischen Strahlenschutzbehörde, in der er (Röösli) Mitglied ist, und der inzwischen berüchtigten britischen AGNIR-Gruppe, die sich nach einer Reihe unverschämt einseitiger und irreführender Berichte auflöste.

Ein gemeinsames Merkmal vieler dieser öffentlichen Ausschüsse ist ihre Beherrschung durch ein oder mehrere ICNIRP-Mitglieder oder Sympathisanten. Die ICNIRP ist eine in Deutschland registrierte Stiftung, wobei sich das Akronym ziemlich unbescheiden auf die Internationale Kommission für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung bezieht. Die ICNIRP wählt ihre Mitglieder selbst aus. Kein Wissenschaftler, der die Auffassung vertritt, dass die Erwärmung der einzige relevante potentielle Gesundheitsfaktor nichtionisierender Strahlung ist, den es zu berücksichtigen gilt, wurde jemals als Mitglied der ICNIRP aufgenommen (...)" Nicht ganz unwichtig zu wissen: die ICNIRP residiert in München, auf dem gleichen Geschoss wie der Deutschen Strahlenschutz, der auch 60% des ICNIRP-Budgets finanziert - der Kreis schliesst sich.

 

Röösli ist auch ein begehrter Referent an sogenannten Informationsveranstaltungen, so wie hier in St.Gallen. Oder bei der Krebsliga: hier machte er sich vor dem Krebliga-Gesundheitspersonal über Elektrosensible lustig...das geleakte interne Schulungs-Video wurde vom Verantwortlichen allerdings ganz rasch wieder vom Netz genommen.

In einem Gerichtsverfahren, das aktuell aus Hadlikon ZH bestritten wird, ist zusammen mit dem Gutachten Hardell auch der höchstinstanzliche Gerichtsentscheid von Turin gegen die staatliche INAIL (Versicherung) eingebracht.  Die Turiner Richter halten es für erwiesen, dass durch die Interessenskonflikte der ICNIRP (deren Mitglied auch Röösli ist) keine objektive Beurteilung der Risiken zur Krebsentstehung erfolgte. Die ICNIRP-Empfehlungen seien somit klar als Parteistellungnahmen zu verstehen und ihren Grenzwertsetzungen stehe somit keine rechtliche Legitimation zu. Zitat aus der offiziellen Übersetzung des Urteils: " Muss daher die umfangreiche wissenschaftliche Literatur, die von den völlig unabhängigen gerichtlichen Sachverständigen zitiert und angewandt wird, sowie die Schlussfolgerungen, die sie auf epidemiologische Ebene gezogen haben, als zuverlässig angesehen werden."

Diese Klarheit wünscht man sich in der Schweiz zurzeit sehr.

update: 11.10.20